Montag, 8. Juni 2015

Ankunft in Santiago (2007)


Santiago, Santiago...jetzt bin ich da. Das Ankommen war seltsam. Eine ganz neue Erfahrung. Heute in der Messe bin ich wirklich angekommen.  Ich habe viele Leute kennen gelernt. Heute abend esse ich mit einer italienischen Familie, einer Peruanerin und einem Franzosen. 
Fremdenlegionär.  Die Reise hierher war zu lang und gleichzeitig zu kurz. Ich hätte mir  mehr Zeit lassen können. Aber es war schon gut so. Ich musste hier ankommen um frei zu werden, von Vielem. Vieles habe ich bereits gelernt. Man lernt es als Metaphern auf dem Weg. Jeder geht SEINEN Weg. Es geht auf und ab. Mal scheint die Sonne. Mal regnet es. Mal ist es flach. Mal steigt man auf Berge. Dann wieder runter. Ein Stück geht man gemeinsam, andere allein. Manche Menschen trifft man immer unerwartet wieder. Manche sind immer unerreichbar weit weg. Aber sie sind doch die selben Schritte gegangen vorher. Manche sind da, wenn es was zu feiern gibt. Andere nicht. Alles ist gut so wie es ist. ES IST DER LAUF DER DINGE. Und selbst wenn man sich mal einen Tag beschissen fühlt und heult und am Wegesrand liegen bleibt und nur noch sterben will - am nächsten Tag steht man doch wieder auf und geht weiter. 

Man hat viele Vorurteile, die man gar nicht bemerkt. Man trifft starke Frauen. Und Männer denen man nie zugetraut hätte, dass sie Tränen in den Augen haben könnten, weil sie einen schönen Vogel  sehen. Und dann passiert genau das. Man sieht viele schöne Tiere. Landschaft ist mal spannend und mal leer. Alle suchen nur dasselbe - Frieden, Liebe, Gott. Jeder muss diesen Weg gehen, egal ob alt ob jung, ob reich ob arm, ob Portugiese oder Deutscher, ob Frau ob Mann, allein oder gemeinsam, jeder hat seinen Weg. Und nicht alle kommen an, nur weil sie denken, dass sie ankommen werden. 

Alles hat seine Zeit. Man lebt im Hier und Jetzt. Man geniest einen Sonnenuntergang, ein Glas Rotwein, den Anblick einer seltenen Raupe, ein gemeinsames  Lied, ein stilles Gebet, ein Käsebrot, einen Schritt, eine Pause auf der Wiese, einen Gang zur Toilette, einen Schatten, einen Schutz vom Regen, etwas Gewicht los werden, ein neues Paar Socken, die Füße ausstrecken, einen Gebirgsbach, einen Schmetterling, ein freundliches Lächeln, einen lieben Gruß, ein Halleluja, wenn man abends ankommt. 

Man hat manchmal Angst. Aber da muss man durch. Man ist manchmal gut drauf, manchmal nicht, ohne Grund. Es gibt Leute die man mag und andere die man nicht mag und denen man trotzdem immer wieder begegnet. Was heißt ankommen...? Man kauft heute einen Apfel morgen vielleicht wieder einen. Mal teurer mal billiger, wo man grad ist....Ich kann es allen nur empfehlen diesen Weg zu gehen. Und zwar im Frühjahr, wenn alles blüht, es nicht mehr so kalt ist, aber auch  nicht so heiß und nicht so viele Leute unterwegs sind. Hier kommt man auf den Boden der Tatsachen zurück und diese sind: Glaube, Liebe Hoffnung..  Nächstenliebe, Essen teilen, Gemeinsam kochen, ein trockenes Stück  Brot genießen, aber auch ein Stück Schokolade, Nahrung, Kommunikation, andere fragen wie's ihnen geht, Grüße ausrichten, Blickkontakt, Erfahrungen austauschen, über Gott reden. Der eine mag in der Fremdenlegion sein und schon einen Menschen getötet haben, wer weiss, aber gleichzeitig tiefgläubig sein und viel vom Leben verstehen. Was ein Kontrast für mich ist, muss für andere keiner sein. Jeder lebe SEIN leben, gehe SEINEN weg, ich bin nicht in der Position zu urteilen, und mag ich auch objektiv dieses oder jenes verachten, den Menschen mag ich vielleicht trotzdem. Man weiß auch nie wie der andere sein Leben lebt, seien Entscheidungen fällt, sich vor sich selbst und Gott rechtfertigt, zu allem gibt es eine andere Seite. Pläne sind völlig sinnlos, weil man nie weiß was morgen ist - vielleicht ist das Wetter  schlecht, vielleicht tun die Füße weh, vielleicht hat man keine Lust weit zu gehen, vielleicht hat man keine Lust nur wenig zu gehen, vielleicht findet man einen Ort, an dem man bleiben will, vielleicht findet grade eine Beerdigung in einer Kirche statt, die man gerade anschauen will....vielleicht gibt es im nächsten Dorf kein Café, vielleicht ist die Herberge zu, vielleicht ist sie offen, oder vielleicht bringt man jemanden dazu die Herberge zu öffnen, vielleicht hat man Geld, vielleicht nicht, weil kein Geldautomat kam, vielleicht ist man morgen tot  - wer weiss? 

Aber Pläne muss man von Zielen unterscheiden. Man braucht keine Pläne, aber Ziele, egal ob intuitiv oder durchdacht. Manchmal ist kein Wegweiser da und man weiß trotzdem wo's lang geht. Manchmal sind viele Wegweiser da und man verläuft sich trotzdem. Manchmal erschrickt man wenn ein hund bellt, ein anderes mal nicht.  Mein Geburtstag hier war auch spitze, aber im Endeffekt war es doch nur ein ganz normaler Tag in meinem Leben, ein Tag wie jeder andere mit Sonnenauf und -untergang, einem Frühstück, ein paar Pausen, einem Stück Weg, neuen und alten Freunden & Freuden.